PIM-Trends 2021 | Interview mit Jürgen Burger von SIMIO

Jürgen Burger, Inhaber und Geschäftsführer von SIMIO

Was bewegt sich am PIM-Markt? Wie sieht die Zukunft des Produktdatenmanagements aus? Und was bedeutet das für die Auswahl des richtigen PIM-System. Akeneo General Manager CEE Tobias Schlotter hat mit Jürgen Burger, dem Gründer von SIMIO im Interview zum Thema PIM-Trends 2021 gesprochen.

Tobias: Jürgen, magst Du Dich einmal kurz vorstellen?

Jürgen: Sehr gerne. Ich heiße Jürgen Burger, bin verheiratet, habe drei erwachsene Kinder und wohne seit bald drei Jahren im wunderschönen Oberbayern – was ich wegen der vielen Seen und Berge dort sehr genieße. In meiner beruflichen Laufbahn habe ich zwischenzeitlich sehr viel Erfahrung in der Beratung von Kunden gesammelt. Dabei ging es in irgendeiner Art und Weise immer um die Verwaltung und Publikation von Produktdaten und digitalen Assets, also um die Themenfelder Produktinformationsmanagement (PIM) bzw. Digital Asset Management (DAM). In den letzten Jahren habe ich im Auftrag eines heute nicht mehr existierenden Unternehmens die Analyse des Anbietermarktes in den gerade genannten und weiteren Themenfeldern verantwortet und dadurch viel Wissen hinsichtlich der einzelnen Lösungen erworben. Das ganze hat mir so viel Freude gemacht dass ich Ende 2019 dann mein eigenes Unternehmen SIMIO gegründet habe. 

Tobias: Was genau macht SIMIO und was ist das Besondere daran?

Jürgen: Wir bei SIMIO sehen unsere Aufgabe in allererster Linie darin, Unternehmen, die auf der Suche nach einem PIM- oder DAM-System sind, bei der Auswahl der richtigen Lösung zu unterstützen.

Dementsprechend bieten wir folgende Leistungen an:

  • umfassende Marktübersichten als erste (kostenlose) Orientierungshilfe
  • Erstellung von Shortlists potentiell passender Lösungen
  • beratende Unterstützung im gesamten Prozess der Systemauswahl
  • Unterstützung bei der Systemeinführung

Die auf simio-analyse.de verfügbaren Marktübersichten zu PIM und DAM zeigen auf, welche Lösungen es in diesen sehr vielfältigen und heterogenen Märkten gibt. Damit ermöglichen sie einen ersten Überblick und ersparen aufwändige eigene Recherchen.

Damit sind wir gleich auch schon bei einer weiteren Leistung von SIMIO: Auf Basis eines Anforderungsprofils, das uns ein Kunde liefert oder das wir selbst mit einem Kunden ermittelt haben, führen wir einen Abgleich gegen unsere Anbieter-Datenbank durch und empfehlen daraus eine kleine Auswahl der passendsten Lösungen. Damit kürzen wir den aufwändigen Prozess der Vorauswahl deutlich ab und liefern gleichzeitig valide Ergebnisse.

Für den Fall, dass ein Unternehmen bei der Definition des Anforderungsprofils oder beim gesamten Auswahlprozess Unterstützung benötigt, bieten wir mit eigenen und vernetzten erfahrenen Experten und einem strukturierten Vorgehen entsprechende Beratungsleistungen an.

Und wenn es dann nach der erfolgreichen Auswahl einer Lösung in die Phase der Systemeinführung geht, können wir auch hier mit entsprechender Fach- und Methodenkompetenz beratend unterstützen.

Und nun zu Deiner Frage, was das Besondere von SIMIO ist: Um die o.g. Leistungen fundiert erbringen zu können, führen wir sehr granulare Analysen der einzelnen Lösungen durch und übernehmen die Ergebnisse in unsere Anbieter-Datenbank. Außerdem visualisieren wir die aggregierten Ergebnisse in grafisch aufbereiteten Profilen, den sogenannten QUINTESSENZEN. Dabei gehen wir davon aus, dass alle Lösungen zunächst einmal nicht besser oder schlechter sind als andere, sondern nur unterschiedlich. Ein Ranking von Lösungen kann sich deshalb immer erst im Abgleich mit den konkreten Anforderungen eines Kunden ergeben.

Außerdem ist es uns besonders wichtig, Werte wie Respekt, Transparenz und Fairness tatsächlich zu leben. Deshalb sind wir auch komplett unabhängig von einzelnen Anbietern.

Tobias: Jüngst hörte man von Dir die Aussage „Frameworks sind out!“. Woher rührt dieses Statement und wie steht dies in Relation zum Thema PIM?

Jürgen: Diese Aussage habe ich getroffen unter der Überschrift „PIM-Trends“; dort habe ich einige Aspekte benannt, die sich nach meiner Beobachtung im Kontext PIM bereits geändert haben bzw. künftig noch ändern werden. Betonen möchte ich, dass es sich hierbei nicht um analytisch fundierte Aussagen handelt, sondern um Schlussfolgerungen aus unserer eigenen Marktbeobachtung und Gesprächen mit vielen Marktteilnehmern wie Software-Herstellern, Integratoren und Beratern.

Mit der Aussage „Frameworks sind out“ habe ich mich auf die Anfänge von dedizierten PIM-Systemen bezogen. Wie auch in anderen Bereichen gab es hier Anbieter, die keine PIM-Systeme mit fertigen Funktionen ausgeliefert haben, sondern sogenannte Frameworks. Diese vergleiche ich immer wieder gerne mit der Kiste von Lego-Bausteine, die ich als Kind früher hatte und aus denen ich dann viele unterschiedliche Dinge gebaut habe. Dementsprechend hatten auch die Frameworks den Vorteil, dass der jeweilige Integrator das gesamte System komplett auf die individuellen Wünsche der Kunden zuschneiden konnte; der Kunde erhielt im Endeffekt ein maßgeschneidertes System. Diesem Vorteil standen aber auch Nachteile wie z.B. sehr hohe Projektkosten, lange Projektlaufzeiten und hohe Aufwände für Wartung und Updates entgegen. Aufgrund dieser Nachteile ist der Bedarf an individuell programmierten Lösungen im Nachfrager-Markt zwischenzeitlich stark gesunken. Außerdem ist auf Kundenseite das Bewusstsein dafür gestiegen, dass Software-Produkte, die vom Anbieter auf Basis vieler Installationen ständig weiterentwickelt werden, für jeden von Vorteil sind. Im Ergebnis haben wir heute im PIM-Markt eine Situation, in der stark zunehmend auf Standardprodukte gesetzt wird, so dass die Implementierung viel schneller erfolgen kann und damit auch früher Nutzen bringt. Allerdings sollten diese Standardprodukte in sehr hohem Maße konfigurierbar sein, woraus wiederum ein Zielkonflikt zwischen Konfigurierbarkeit einerseits und Performance und Usability andererseits entsteht – ein Zielkonflikt, den nicht alle Anbieter in gleichem Maße lösen.

Tobias: Betrifft das dann nicht auch die ganze Information Supply Chain eines Unternehmens?

Jürgen: Völlig richtig! Die beschriebene Entwicklung im PIM-Markt basiert auf einem Learning, das nicht nur dort, sondern z.B. auch im Bereich ERP stattfand und Konsequenzen für alle Software-Märkte hat. D.h., dass ein Unternehmen, das die Erfahrung einer jahrelangen und sehr teuren ERP-Einführung hinter sich hat, diese Erfahrung nicht unbedingt wiederholen möchte und deshalb bei künftigen IT-Projekten sehr viel stärker in Richtung Standards tendiert.

Tobias: Was bedeutet das aus Deiner Sicht für Softwarehersteller?

Jürgen: Für Software-Hersteller heißt das in erster Linie, dass sie ihr Produkt als echten Standard entwickeln sollten, der dementsprechend auch gut updatefähig ist. Außerdem sollte dieses Produkt möglichst umfassend konfiguriert und damit an kundenspezifische Anforderungen angepasst werden können, ohne dabei den Standard zu verletzen und dadurch die Updatefähigkeit zu gefährden. Idealerweise sollte die Konfiguration dabei über Oberflächen und nicht über Scripting erfolgen, so dass ein Administrator selbständig Anpassungen vornehmen kann.

Ein weiterer Aspekt, der zunehmend an Bedeutung gewinnt und auf den sich dementsprechend auch die Software-Hersteller und die Integratoren einstellen müssen, ist die agile Vorgehensweise in den Implementierungsprojekten. Auch wenn die Auslegung des Begriffs teilweise noch sehr unscharf und demzufolge auch die Anwendung der entsprechenden Methodik noch verbesserungsfähig ist – grundsätzlich nimmt der Wunsch nach agilen Projekten deutlich zu. Auch hier hat die Erfahrung gelehrt, dass die klassische Wasserfall-Methodik mit einer langen und rein theoretischen Planungsphase beim Projektstart keine Quickwins ermöglicht und häufig auch nicht zu den gewünschten Ergebnissen führt.

Tobias: Wenn Unternehmen früher schon auf agile Projekte und standardisierte Software gesetzt hätten, wo stünden wir heute?

Jürgen: Das ist natürlich eine rein theoretische Frage, da ich sicher bin, dass alle Marktteilnehmer zuerst die bereits genannten Erfahrungen machen mussten, um daraus zu lernen und sich weiterzuentwickeln hin zu agilen Projekten und Standard-Software. Um Deine Frage beantworten zu können, möchte ich beide Punkte gerne aus einer anderen Perspektive betrachten:

Agile Methoden in Projekten setzen voraus, dass man die scheinbare Planungssicherheit, die die klassische Wasserfall-Methodik suggeriert, aufgibt zugunsten eines Vorgehens Schritt für Schritt; das erfordert zunächst einmal beiderseitiges Vertrauen in den Projektpartner und eine höhere Beweglichkeit aller Projektbeteiligten. Im Gegensatz zu Wasserfall-Projekten verlangen agile Projekte auch ein höheres und permanentes Engagement seitens des Kunden; eine komplette Delegation an den Anbieter nach dem Motto „Wir haben ja jetzt formuliert, was wir wollen“ ist nicht möglich und bedingt somit eine stärkere Mitverantwortung des Kunden.

Die zunehmende Bevorzugung von Standard-Software steht m.E. für die Erkenntnis in den Kunden-Unternehmen, dass sie trotz ihrer unbestrittenen Individualität nicht zwingend auch individuelle Software benötigen, sondern dass der Einsatz von Standards sie vermutlich viel weiterbringt, weil in diese Standards bereits sehr viel Erfahrung des Software-Herstellers aus anderen Projekten eingeflossen ist und diese schneller genutzt werden kann. Die zunehmende Nachfrage nach Standard-Software ist deshalb aus meiner Sicht ein Indikator für eine wachsende „Reife“ auf Seiten der Kunden-Unternehmen.

Wenn ich Deine Frage vor diesem Hintergrund mal auf die Zukunft richte und mich frage, wie sich Unternehmen weiterentwickeln, die auf agile Vorgehensweise und Standard-Software setzen, dann habe ich eine klare Antwort: Von im Einzelfall sicherlich berechtigten Ausnahmen abgesehen räume ich den Unternehmen, die auf agile Projekte und Standard-Software setzen, ein deutlich besseres Entwicklungspotential ein.

Tobias: Lässt sich sagen Customizing = Unbeweglichkeit?

Jürgen: Um das zu beantworten, möchte ich zunächst einmal zwei Begriffe, die häufig fälschlicherweise synonym verwendet werden, differenzieren – nämlich die Begriffe „Konfiguration“ und „Customizing“. Unter Konfiguration verstehen wir die Anpassung des Systems hinsichtlich Benutzeroberfläche, Objekten, Attributen, Business Rules u.ä.; diese kann durch Skripting oder idealerweise über eigene Benutzeroberflächen erfolgen, erfolgt innerhalb des Standards und hat deshalb keinen Einfluss auf die Updatefähigkeit des Systems. Unter Customizing verstehen wir dagegen die Veränderung bzw. Erweiterung des Standards durch kundenspezifische Programmierung; diese hat u.U. Einfluss auf die Updatefähigkeit des Gesamtsystems. Deshalb ist es besonders wichtig, bei eventuellen nötigen Erweiterungen darauf zu achten, dass die Updatefähigkeit gewährleistet ist – ansonsten führt Customizing tatsächlich zu einer Unbeweglichkeit im Sinne von nicht oder nur aufwändig möglichen Aktualisierungen.

Tobias: Was wünschen sich die Kunden in diesem Jahr von PIM-Softwareherstellern?

Jürgen: Das ist ein zunächst einmal gutes Stichwort, um zu erklären, warum wir selbst üblicherweise nicht gerne von Software, sondern lieber von Lösungen sprechen. Lösungen beinhalten nämlich über die eigentliche Software hinaus auch den Aspekt des Herstellers und vor allem den Aspekt der Implementierung. Der Blick auf den Hersteller berücksichtigt dabei neben Themen wie Standorten, der finanziellen Stabilität und Entwicklungsfähigkeit auch Dinge wie Herkunft, Philosophie, Organisation – kurz gesagt die DNA des Unternehmens. Für den Kunden immer wichtiger ist der Aspekt der Implementierung. Diese kann sowohl vom Software-Hersteller selbst als auch gegebenenfalls von dessen Implementierungspartnern durchgeführt werden und ist letztendlich entscheidend dafür, ob die Software erfolgreich und nutzenbringend eingesetzt werden kann. Nach meiner Einschätzung geht der Fokus der Kunden immer mehr in Richtung dieses Gesamtpakets und dabei ganz besonders in Richtung der Implementierung. Hier sind neben der fachlichen Expertise und Verfügbarkeit auch Aspekte wie Branchen-Knowhow, Best Practises und aktive Unterstützung im gesamten Digitalisierungsprozess gefragt.

Darüber hinaus wünschen sich Kunden wie schon gesagt PIM-Lösungen, mit denen sie schnell starten und Nutzen generieren können. Idealerweise sollten diese auch hinsichtlich der Kosten überschaubar sein, was in besonderem Maße den schlechteren wirtschaftlichen Rahmenbedingungen geschuldet ist.

Tobias: Das Thema Standard-Klassifizierungen wird mit der drastischen Zunahme von Marktplätzen und Kanälen, aber auch vom D2C-Impuls gefühlt immer verrückter und die meisten Unternehmen wissen gar nicht mehr, was sie eigentlich hier unternehmen sollen. Wie siehst Du das Thema und wie lautet deine Empfehlung in Richtung Unternehmen?

Jürgen: Es stimmt – das Thema Standard-Klassifizierungen hat vor dem beschriebenen Hintergrund deutlich an Bedeutung gewonnen. Auf Seiten der PIM-Anbieter gibt es dafür zwei Antworten: Während die einen die Funktionalitäten im eigenen System diesbezüglich erweitern, gehen die anderen hin und integrieren dedizierte Speziallösungen wie z.B. von e-proCAT, Semaino u.a.

Sofern der PIM-Anbieter aufgrund seiner Historie, seines Kundenkreises oder aus anderen Gründen einen besonderen Fokus auf dieses Thema und entsprechendes Knowhow hat, kann der erste Weg durchaus sinnvoll sein. Allerdings werden dafür aufgrund des dynamischen Umfeldes mit ständig weiteren und sich ändernden Klassifizierungen in relevantem Umfang interne Ressourcen gebunden. Deshalb entscheiden sich zunehmend viele PIM-Anbieter für den zweiten Weg, die Integration dedizierter Lösungen; dem Nachteil eines weiteren Systems mit einer anderen Benutzeroberfläche steht hier der große Vorteil gegenüber, dass nur EINE Schnittstelle aktuell gehalten werden muss zu einer Partnerlösung, die aufgrund ihrer Positionierung ohnehin ständig aktualisiert wird.

Tobias: Vielleicht abschließend: Was sind die PIM-Trends 2021 und gehört das Thema PXM für Dich hier mit rein?

Jürgen: Neben den vorhin bereits beschriebenen Entwicklungen fällt mir dazu vor allem der Trend zu cloudbasierten Lösungen ein. Mal ungeachtet der Tatsache, dass der Begriff „Cloud“ derzeit noch sehr diffus verwendet wird, kann man beobachten, dass es einen eindeutigen Trend weg von onPremise-Installationen hin zum Cloud-Betrieb gibt. Einige PIM-Anbieter sprechen davon, dass inzwischen etwa 70% aller neuen Anfragen direkt in Richtung Cloud-Betrieb zeigen. Zunehmend wichtig dabei wird, dass Systeme nicht nur in der Cloud laufen können, sondern dass sie dafür gemacht – also cloud-native – sind.

Auch das Thema KI-Unterstützung im Sinne von KI-basierter Erstellung und Optimierung von Produkt-Content gewinnt deutlich an Bedeutung – genauso wie Blockchain-gesicherte Prozesse und Datenaustausche.

Das Thema PXM gehört definitiv auch zu den von uns beobachteten Trends für 2021. Allerdings ist die Definition von PXM als Abkürzung für Product Experience Management ebenfalls noch relativ schwammig und verkommt deshalb teilweise zum Buzzword. Aus meiner Sicht steht PXM primär für einen anderen Blick auf das bisher eher technische und trockene Thema PIM. Der Fokus liegt dabei auf dem Hauptnutzen von PIM, nämlich der Ermöglichung einer durchgängigen Produkterfahrung über alle Kanäle hinweg. Wenn man dazu dann noch die Aspekte Kontextualisierung bzw. Individualisierung der bereitgestellten Produktinformationen und Echtzeit-Bereitstellung dazunimmt, dann wird klar, dass PXM die Anforderungen an PIM-Systeme noch einmal erhöht, z.B. in Hinblick auf Datenmodellierung, Multi-Domain, Syndication, Performance u.ä.

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